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28.04.2011

Kosmos Rudolf Steiner

Sonderausstellung des Kunstmuseum Stuttgart, Kosmos Rudolf Steiner, 5. Februar - 22. Mai 2011

Wohl kaum eine zweite Stadt in Deutschland ist so stark vom Gedankengut Rudolf Steiners geprägt wie Stuttgart: Hier hielt der ebenso einflussreiche wie umstrittene Begründer der Anthroposophie 1904 seinen ersten Vortrag, hier gründete er 1919 auf der Uhlandshöhe die erste Waldorfschule.

Eine Vielzahl anthroposophischer Einrichtungen prägt seither die Identität der Stadt mit. Am 27. Februar 2011 jährt sich der 150. Geburtstag
von Rudolf Steiner.

Grund genug, dem »Kosmos Rudolf Steiner« gemeinsam mit dem Vitra Design Museum und dem Kunstmuseum Wolfsburg in einer umfangreichen
Sonderschau nachzugehen. Auf rund 2.000 Quadratmetern macht die bislang größte Sonderausstellung des Kunstmuseum Stuttgart erstmals die kulturgeschichtliche Bedeutung Steiners und dessen Einfluss auf die zeitgenössische Kunst umfassend sichtbar.
 
Das Kunstmuseum möchte mit der Gesamtschau Forum für eine unvoreingenommene Auseinandersetzung mit dem komplexen Thema sein, weswegen »Kosmos Rudolf Steiner« von einem vielfältigen Veranstaltungsprogramm begleitet wird. Um der Bedeutung
Steiners für Stuttgart gerecht zu werden, legt das Kunstmuseum in Ergänzung der beiden Ausstellungskataloge die Publikation
»Rudolf Steiner in Stuttgart« vor.
 
Rudolf Steiner - Die Alchemie des Alltags Ende des 19. Jahrhunderts hatte Rudolf Steiner (1861-1925) den Ruf eines anerkannten Goetheforschers, dessen naturwissenschaftliche Schriften er kommentiert und ediert hatte. Danach folgte sein Engagement in der Theosophischen Gesellschaft,
deren esoterische Weltanschauung aus England importiert war und Anleihen aus sämtlichen Weltreligionen nahm. Nach Unstimmigkeiten wandte sich Steiner davon ab und gründete 1913 eine eigene Weltanschauungs-bewegung, in der er den Menschen mit Körper, Geist und Seele zum Zentrum seines Lehrgebäudes erklärte: die Anthroposophie.

In 300 Büchern und mehreren Tausend Vorträgen äußerte sich Steiner in den folgenden Jahren zu allen wichtigen Lebensbereichen. Die Reformierung von Pädagogik, Ernährung, Landwirtschaft -Über die Dreigliederung-, Medizin, Technik, Theologie aber auch der politischen Gesellschaftsordnung war ihm ein dringendes Anliegen. Kunst und Architektur widmete er sich seit 1910 intensiver; sie stellten für ihn die entscheidenden Bereiche dar, um seine neue Sichtweise für jeden erfahrbar zu machen.

Steiner suchte den Kontakt mit Künstlern, und viele waren in jener Zeit von seinem Gesamtkunstwerkgedanken fasziniert oder suchten wie Wassily Kandinsky ebenfalls das Geistige in der Kunst. Für die moderne Architektur sollte der zweite Bau des Goetheanums (1928), der erste Monumentalbau aus Beton, eine einflussreiche Vorbildfunktion bekommen.

Aus den vielen markanten Ausstattungsstücken ziehen bis heute auch nicht-
anthroposophische Designer Anregungen.  Anhand historischer Dokumente, Möbel, Filme und Architekturmodelle macht der vom Vitra Design Museum konzipierte Ausstellungsteil deutlich, wie umfassend der Steinersche Ansatz gewirkt hat, und dass sich sein ganzheitliches Denken gerade heute in vielen gesellschaftlichen Bereichen wiederfindet. Ein Großteil der Leihgaben stammt aus dem Rudolf Steiner Archiv in Dornach sowie der Kunstsammlung Goetheanum, die die Vorbereitung der Ausstellung durch Recherchen maßgeblich unterstützt haben. Die bekannten Wandtafeln von Rudolf Steiner, mit denen er seine Vorträge illustrierte, werden ebenfalls in einer repräsentativen Auswahl gezeigt.
 
Rudolf Steiner und die Kunst der Gegenwart
Über diese Wandtafeln, die erst lange nach seinem Tod wiederentdeckt wurden, verlief die Steiner-Rezeption einer jungen Künstlergeneration. Am Anfang stand Joseph Beuys, dessen Steiner-Lektüre in seinem Werk deutliche Spuren hinterlassen hat. In der Ausstellung »Kosmos Rudolf Steiner« werden neben Beuys 13 weitere Künstler gezeigt, die bislang kaum in diesem Kontext angesiedelt und interpretiert wurden.

Doch durch die Begegnung von historischen Dokumenten mit zeitgenössischen Exponaten werden Bezüge überraschend offensichtlich. Der isländische Künstler Olafur Eliasson beschäftigt sich beispielweise mit vielen Fragestellungen, die auch Steiner fesselten. Die Herangehensweise an naturwissenschaftliche Phänomene durch ästhetische Anschauung verbindet Steiner ebenso mit Eliasson.

Andere Künstler wie Claudia Wieser oder Bernd Ribbeck setzen sich mit der Vorstellung des Geistigen und dessen Verhältnis zur Materie auseinander. Bei Tony Cragg wird Steiners Idee der Metamorphose unter anderem Vorzeichen anschaulich. Sowohl auf inhaltlicher wie auf formaler Ebene sind die Verbindungen zum Kosmos Rudolf Steiner vielfältig. Dennoch verstehen sich alle eingeladenen Künstler, darunter Katharina Grosse, Carsten Nicolai, Anish Kapoor, Giuseppe Penone, Jan Albers und Manuel Graf, nicht als anthroposophische Künstler. Ihr Werk erschließt sich auch ohne den Bezug zu Steiner.

Für die Ausstellung stellt sich deshalb vielmehr die übergeordnete Frage, welche Funktionen Steiner und die besagten Künstler in ihrer Zeit
einnehmen.  In Interviews, die sich in dem gemeinsamen Katalog von den Kunstmuseen in Wolfsburg und Stuttgart wiederfinden, äußern sich die Künstler zu ihrem jeweiligen Zugang zu Steiner. Dabei wird deutlich, dass Steiner als Philosoph und weniger als Künstler und Gestalter anregend wirkte. Das wiedererwachte Interesse an Steiner außerhalb der anthroposophischen Gemeinde erklärt sich durch dessen gespaltene Haltung zur Moderne: Er war zwar allen neuen Techniken und Forschungen zugewandt und doch baute er seine Lehre auf einem mythischen Menschheitswissen auf.

Sämtliche ausgewählten Künstler der Ausstellung vollziehen auf ihre Weise diese Dialektik der Moderne nach und reagieren mit ihren Werken auf eine globalisierte, hoch technisierte und spezialisierte Welt:
Diese Reaktion weist erstaunliche Parallelen zur Reformbewegung des vergangenen Jahrhunderts auf.

 

 
BIOGRAFIE RUDOLF STEINER (1861–1925)
 
1861   Rudolf Josef Lorenz Steiner wird am 27. Februar in Kraljevec (damals Österreich-Ungarn, heute Kroatien) geboren. In den Folgejahren zieht die Familie nach Mödling und Pottschach um. Dort arbeitet der Vater als Bahnstationsvorsteher.
 
1879   Abitur mit Auszeichnung. Studium an der Technischen Hochschule in Wien (insgesamt acht Semester): Mathematik, Chemie, Physik, Mineralogie, Zoologie, Botanik, Biologie, Geologie und Mechanik; daneben Besuch von Vorlesungen in Literatur und Geschichte.
Steiner schließt Bekanntschaft mit Karl Julius Schröer, Professor für deutsche Literatur und Goetheforscher.
 
1882   Auf Empfehlung Schröers wird Steiner Herausgeber von Goethes naturwissen-schaftlichen Schriften in Joseph Kürschners Deutscher National-Literatur.
 
1884   Hauslehrer bei der jüdischen Kaufmannsfamilie Specht in Wien. Der erste von Steiner bearbeitete Band von »Goethes Naturwissenschaftliche Schriften« erscheint.
 
1886   Steiner veröffentlicht sein erstes Buch:  » Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung mit besonderer Rücksicht auf Schiller « .
 
1889   Beginn der Beschäftigung mit Friedrich Nietzsche. Erste Arbeitsaufenthalte am Weimarer Goethe- und Schiller-Archiv, wohin er 1886 zur Mitarbeit an der Weimarer Goethe-Ausgabe eingeladen wurde. Im Winter 1889/90 Bekanntschaft mit dem theosophischen Kreis um Marie Lang.
 
1890   Ende September siedelt Steiner nach Weimar über und tritt eine Stelle am Goethe-und Schiller-Archiv an.
 
1891   Am 26. Oktober promoviert Steiner in Rostock bei Professor Heinrich von Stein mit einer Arbeit über  » Die Grundfrage der Erkenntnistheorie mit besonderer Rücksicht auf Fichtes Wissenschaftslehre « .
 
1894   Steiners philosophisches Hauptwerk  » Die Philosophie der Freiheit «  erscheint.
 
1899   Begegnungen unter anderem mit Else Lasker-Schüler, Peter Hille, Stefan Zweig, Käthe Kollwitz, Erich Mühsam, Paul Scheerbart, Frank Wedekind. Am 31. Oktober heiratet Rudolf Steiner Anna Eunike (1853-1911), von der er sich fünf Jahre später trennt.
 
1902   Steiner wird Mitglied der Theosophischen Gesellschaft. Im Oktober übernimmt er die Funktion des Generalsekretärs der Deutschen Sektion, betont aber von Anfang an, seinen eigenen Weg zu lehren, den er als »abendländisch-rosenkreuzerisch« bezeichnet. Seine engste Mitarbeiterin ist Marie von Sivers (1867-1948).
 
1902-10   zahlreiche Vorträge im In- und Ausland sowie diverse Publikationen. Steiner begegnet Kandinsky und Kafka. Mit Christian Morgenstern verbindet ihn eine Freundschaft. 
 
1911    Steiner bricht mit der Theosophischen Gesellschaft.
 
1912   Am 2. Oktober 1912 reist Steiner nach Dornach. Der Basler Zahnarzt Emil Großheintz bietet Steiner das Gelände um seinen Landsitz für den ursprünglich in München geplanten Johannesbau an. Am 28. Dezember findet die informelle Gründung der Anthroposophischen Gesellschaft in Berlin statt.
 
1913   3. Februar: konstituierende Generalversammlung der Anthroposophischen Gesellschaft mit Marie von Sivers, Michael Bauer und Carl Unger im Vorstand. Steiner selbst tritt der Gesellschaft nicht bei. Am 20. September wird in Dornach der Grundstein für den Johannesbau gelegt, an dem in den Folgejahren zahlreiche Künstler mitarbeiten.
 
1914   Heirat mit Marie von Sivers am 24. Dezember
 
1918   Beschluss zur Umbenennung des Johannesbaus in Goetheanum am 3. November
 
1919    24. Februar: erste öffentliche Eurythmie-Aufführung unter Leitung von Marie Steiner in Zürich. Am 7. September erfolgt die Gründung der ersten Freien Waldorfschule in Stuttgart für die Kinder der Arbeiter der Waldorf Astoria Zigarettenfabrik (auf Initiative des Fabrikdirektors Emil Molt und unter der Leitung von Rudolf Steiner). Steiner schult die Lehrkräfte in Fachkursen und Vorträgen über Erziehung. 
 
1920   26. September: Eröffnungsfeier des noch nicht ganz vollendeten Goetheanums
 
1921    In Arlesheim bei Dornach eröffnet die Ärztin Ita Wegman in Zusammenarbeit mit Steiner eine anthroposophische Klinik, das Klinisch-Therapeutische Institut. Einrichtung eines chemisch-pharmazeutischen Laboratoriums, das in Zusammenarbeit mit Steiner die Herstellung von Heilmitteln entwickelt. Ein weiteres Klinisch-Therapeutisches Institut mit
Ambulatorium und Forschungsinstituten entsteht in Stuttgart.
 
1922   In der Neujahrsnacht brennt das in Holz errichtete Goetheanum vollkommen nieder. Die Ursache war vermutlich Brandstiftung.
 
1923   Neugründung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft mit rund 12.000 Mitgliedern unter der Leitung Steiners und der weiteren Vorstände Albert Steffen, Marie Steiner, Ita Wegman, Elisabeth Vreede und Guenther Wachsmuth. Gründung der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft in Dornach
 
1924   1. Januar: gesundheitlicher Zusammenbruch Steiners. Er arbeitet an Modellen für einen zweiten Bau des Goetheanums aus Beton. Ende des Jahres zieht sich Steiner zunehmend nach Dornach zurück.
 
1925   Baubeginn des zweiten Goetheanums
Rudolf Steiner stirbt am 30. März in Dornach.

 

Quelle:Kunstmuseum Stuttgart

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